Kollektiver Genuss

„Es wurde das Tanzbein geschwungen, es wurde gezecht, es wurde gelacht.“ – Ein typischer Satz aus einem Brigadebuch des VEB Braunkohlenwerk Borna über eine Feier im Kollegenkreis. Alkohol war bei vielen Feierlichkeiten ein fester Bestandteil, oft und unbeschwert wird das gemeinsame Trinken positiv erwähnt und bebildert. Das wirft unweigerlich die Frage nach dem heutigen Umgang mit Alkohol im Arbeitskontext auf. Die Kunstvermittlerin Yvonne Anders hat sich bereits 2019 im künstlerischen Projekt „Ehemalige treffen. DDR-Arbeitsmigration in Rötha und Espenhain“ mit Brigadebüchern aus der Braunkohleindustrie der DDR beschäftigt. Dabei stieß sie auf zahlreiche unterhaltsame Berichte über Brigadefeierlichkeiten und den darin oft erwähnten Alkoholkonsum. Ziel des Projektes, das in Zusammenarbeit mit DOKMitt e.V. durchgeführt wurde, war nicht nur die Auseinandersetzung mit der Quelle Brigadebuch, sondern auch einen Austausch anzuregen zu Feiern und Alkoholkonsum im Arbeitskontext damals und heute.

Brigadebücher und Flaschen aus der Neuseenlandsammlung des KuHstall e.V.

Exkurs - Was ist ein Brigadebuch?

Wer zur Zeit der DDR in gearbeitet hat, weiß das wahrscheinlich - andere sind vielleicht schon einmal in einem Museum, auf dem Flohmarkt oder auf dem Dachboden des Elternhauses auf eines dieser roten Alben gestoßen. Es handelt sich dabei um eine Art Chronik der Brigaden bzw. Kollektive – so hießen die Arbeitsgruppen in allen Betrieben der DDR. Die Kolleginnen und Kollegen haben darin verschiedene Ereignisse des Jahresverlaufs festgehalten. Z.B. Berichte über die Feier zum Frauentag, die Demonstration am 1. Mai, einen gemeinsamen Ausflug und die „Jahresabschlussfeier“. Hinzu kommen Stellungnahmen zu politischen Ereignissen und Einblicke in den Arbeitsalltag.

Entstanden sind diese Bücher im Kontext des „sozialistischen Wettbewerbs“. Unter dem Motto „Sozialistisch arbeiten, lernen und leben“ verpflichteten die Kollektive sich Jahr für Jahr aufs Neue nicht nur zur Planerfüllung, sondern auch dazu, sich gemeinsam beruflich und ideologisch weiterzubilden und Teile ihrer Freizeit gemeinsam zu verbringen, um ein gutes Verhältnis untereinander aufzubauen und zu erhalten, was sich wiederum positiv auf die Zusammenarbeit auswirken sollte.

Seite eines Brigadebuches mit handschriftlichen Einträgen und ausgeschnitten Fotos Seite aus einem Brigadebuch der Brigade Bodenmechanik des VEB Braunkohlenkombinat Espenhain 1981

Das Brigadebuch war das Medium, in dem sich die Kollektive präsentierten. Sie sind zur Zeit der DDR nicht freiwillig entstanden, dennoch haben sich in vielen Kollektiven Mitglieder den Büchern engagiert gewidmet, so dass sie tatsächlich zu Dokumenten wurden, in denen die Gruppe sich wiederfinden konnte.
Dementsprechend wurden die Brigadebücher mit dem Ende der DDR zu Erinnerungsdokumenten, viele nahmen sie mit nach Hause und holten sie gelegentlich hervor, um sie mit anderen ehemaligen Kollektivmitgliedern zusammen zu betrachten und sich an die damalige Arbeitswelt zu erinnern.
Für die kultur- und geschichtswissenschaftliche Forschung sind Brigadebücher eine wunderbare Quelle, da sie einen ganz spezifischen Blick in die Arbeits- und Alltagskultur der DDR gewähren.

Dr. Merve Lühr


Einladung zum Betriebsvergnügen
Gesprächsabende zu Feiern, Alkohol und Arbeitskollektiv in der DDR am 25.10. und 11.12.2025 

Zwei Veranstaltungen fanden im Rahmen des Projekts im Ladenlokal des DOKMitt e.V. in Borna statt:  Beim erste Gesprächsabend stellte Yvonne Anders den knapp 30 Gästen Auszügen aus Brigadebüchern des BKW Borna vor, die von alkoholseligen Feiern im Kollegenkreis berichten. Dr. Merve Lühr, die zu „Erinnern an die Arbeit im Kollektiv. Das Brigadeleben in der DDR und seine postsozialistischen Tradierungen“ promoviert hat, ordnete Brigadebücher als historische Quelle ein. Bei dem anschließenden Gespräch zwischen den Besucherinnen und Besuchern standen persönliche Erfahrunge und Meinungen im Mittelpunkt – egal, ob sie das Arbeiten im DDR-Betrieb selbst miterlebt haben oder zur nachfolgenden Generation gehören. Gab es einen besonderen Umgang mit Alkohol in der Bergbauarbeit? Unterschieden sich Arbeitsfeiern zwischen Ost und West? Ist eine Feierkultur verloren gegangen? Wie feiern wir heute?

Der zweite Gesprächsabend erweiterte den Blick auf das Feiern im Arbeitskollektiv in der DDR. Yvonne Anders und Verleger und Autor Marcel Raabe (Trottoir Noir) haben dafür Zeitzeugnisse wie Fotografie, Literatur, Kunst und Musik und Objekte wie Biergläser, Bierdeckel und Trinkbranntweinflaschen mitgebracht und sich mit den Gästen dazu ausgetauscht. Die Idee: Es soll ein Buch entstehen, in dem diese Erinnerungen und Materialien zur Arbeits- und Feierkultur der DDR gesammelt und präsentiert werden. Bei der Veranstaltung konnte darüber gesprochen werden, wie ein solches Buch aussehen kann.

Im Zuge der Gesprächsabende wurden DOKMitt zudem ein ganzer Stapel Brigadetagebücher aus Espenhain für unsere Sammlung zur Bergbaugeschichte im Mitteldeutschen Revier geschenkt. Vielen Dank an den Geber!

Zum Abschluss des Projekts erschien eine kleine Broschüre, die im Ladenlokal des DOKMitt in der Bahnhofstraße 32 ausliegt. Melden Sie sich bei Interesse per E-Mail an Ida.Mahlburg[bei]dokmitt.de, dann senden wir Ihnen die Broschüre per Post.


Die Umsetzung des Projektes wurde ermöglicht durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und die Kulturförderung des Landkreis Leipzig.



DOKMitt e.V.
Förderverein zum Aufbau des Dokumentationszentrums IndustrieKulturlandschaft Mitteldeutschland
Bahnhofstraße 32
04552 Borna

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